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Chirurgie · Evidenzbasierte Medizin

Was ist eine EBM?

EBM = evidenzbasierte Medizin (evidence = Beweis) ist der gewissenhafte, ausdrückliche und vernünftige Gebrauch der gegenwärtig besten externen wissenschaftlichen Evidenz für Entscheidungen in der medizinischen Versorgung individueller Patienten. Die Praxis der EBM bedeutet die Integration individueller klinischer Expertise mit der bestmöglichen externen Evidenz aus systematischer Forschung (Sackett, British Medical Journal, 1996, Vol 312. p.71).
Die individuelle klinische Expertise steht für das Können und die Urteilskraft, die Ärzte durch ihre Erfahrung und klinische Praxis erwerben. Die beste verfügbare externe Evidenz meint klinische patientenorientierte Forschung zur Genauigkeit diagnostischer Verfahren, zur Aussagekraft prognostischer Faktoren und zur Wirksamkeit und Sicherheit therapeutischer, rehabilitativer und präventiver Maßnahmen.

Was kann EBM?

Externe klinische Evidenz führt zur Neubewertung bisher akzeptierter diagnostischer Tests und therapeutischer Verfahren und ersetzt sie durch solche, die wirksamer, genauer, effektiver und sicherer sind.
Es soll sowohl die klinische Erfahrung als auch die beste verfügbare externe Evidenz genutzt werden, da keiner der beiden Faktoren allein ausreicht. Diese Beschreibung hilft klären, was EBM nicht ist: EBM ist weder ein alter Hut noch ist sie unpraktikabel. Das Argument, daß das "jeder sowieso schon macht", wird durch die beeindruckende Vielfalt der diagnostischen Möglichkeiten und durch die unterschiedliche Häufigkeit, mit der gleiche Verfahren angewandt werden, widerlegt.

EBM ist keine Kochbuchmedizin. Externe klinische Evidenz kann individuelle klinische Erfahrung zwar ergänzen, aber niemals ersetzen.

Eine generelle Kostenreduktion der Krankenversorgung ist nicht Aufgabe von EBM. Ärzte, die EBM praktizieren, werden die effektivsten Verfahren identifizieren und anwenden, um die Lebensqualität und -dauer der Patienten zu maximieren; das könnte auch zu einer Erhöhung statt einer Reduktion der Kosten führen.

Wie funktioniert EBM?

Das Kernelement der EBM ist ein fünfstufiger Prozess:

  • Identifikation und Formulierung eines klinischen Problems
  • Suche nach geeigneter Literatur zur Beantwortung der Frage
  • Bewertung der Literatur auf klinische Relevanz und Glaubwürdigkeit
  • Anwendung der Ergebnisse auf das Problem des Patienten
  • Evaluation des eigenen Handelns

Da randomisierte, kontrollierte klinische Studien und besonders systematische Übersichten dieser Studien uns mit höherer Wahrscheinlichkeit korrekt informieren und falsche Schlußfolgerungen weniger wahrscheinlich sind, wurden sie zum "Goldstandard" für die Beantwortung der Frage, ob Therapiemaßnahmen mehr nützen als schaden. Allerdings sind für manche Fragestellungen keine kontrollierten Studien notwendig (etwa erfolgreiche Interventionen bei sonst fatalen Konditionen), oder es bleibt keine Zeit für klinische Studien. Falls keine kontrollierte Studie für die besondere Situation unseres Patienten durchgeführt wurde, müssen wir die nächstbeste externe Evidenz finden und berücksichtigen.

Levels of evidence

  • Ia Metaanalyse, Sytematische Übersichtsarbeit von RCTs
  • Ib einzelne RCTs
  • IIa Kohortenstudie mit Kontrollgruppe
  • Nichtrandomisierte CT
  • IIb Fall- Kontroll-Studie
  • III Querschnittsstudie, Kohorte ohne Kontrollgruppe
  • IV Expertenmeinung

Je nach Fragestellung müsste diese Tabelle präzisiert werden (diagnostische Tests, therapeutische oder prognostische Studien).

EBM ist auch nicht auf randomisierte, kontrollierte Studien und Metaanalysen begrenzt. Sie beinhaltet die Suche nach der jeweils besten wissenschaftlichen Evidenz zur Beantwortung der klinischen Fragestellung. Um etwas über die Genauigkeit eines diagnostischen Verfahrens zu erfahren, benötigt man gut durchgeführte Querschnittsstudien von Patienten, bei denen die gesuchte Krankheit klinisch vermutet wird - keine kontrollierte Studie.

Für eine prognostische Fragestellung ist eine methodisch einwandfreie Follow-up-Studien von Patienten notwendig, die in einem einheitlichen, frühen Stadium ihrer Krankheit in die Studie aufgenommen wurden

EBM in der täglichen Praxis

Viel wird zur Zeit in theoretischen Instituten über evidenzbasierte Medizin geforscht. Wir dürfen nicht vergessen, dass EBM ein Werkzeug für den Arzt darstellt, um seinem Patienten tagtäglich die optimale Diagnostik und Therapie zukommen lassen zu können. Es muss nach praktikablen Methoden gesucht werden, die eine praxisnahe Umsetzung des EBM-Konzeptes ermöglichen.
Aus-, Fort- und Weiterbildungsprogramme werden die evidenzbasierte Medizin aufnehmen und an die Bedürfnisse der Lernenden anpassen. Diese Programme und ihre Evaluationen werden das Bewusstsein und Verständnis erhöhen, um EBM besser verstehen zu können.

Folgende Projekte werden in unserer Abteilung zur Zeit bearbeitet:

  • Erarbeiten von abteilungsinternen und abteilungsübergreifenden Leitlinien
  • Aufstellen medzinischer Behandlungspfade, basierend auf Leitlinien und der derzeit besten Evidenz
  • abteilungsinterne Fortbildung im Sinne eines wöchentlichen Journal-Clubs (Vorstellen und diskutieren von aussagekräftigen Studien zu klinischen Problemen)